Bismillahi-Rahmani-Rahim – Im Namen Gottes des Allerbarmers des Barmherzigen
Die letzten zehn Nächte des Ramadan
und
die Nacht der Bestimmung
I’tikaf und Lailatu l-Qadr
Zwei Drittel des Ramadan sind
bereits verstrichen, wie alle freudigen Tage vergingen auch diese
für die fastenden Gläubigen wie im Fluge. Und wie bei vielen
Angelegenheiten hat auch beim Ramadan das Ende, hier das letzte Drittel,
eine ganz besondere Bedeutung.
Die letzten zehn Tage im Ramadan
sind nämlich die Zeit, die
für einen Muslim am ertragreichsten sein können und denen
deshalb ganz besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung geschenkt werden
sollte, und zwar durch
- vermehrten Gottesdienst in den letzten
Nächten des Ramadan#
- Durchführen des I’tikaf (des
Sich-Zurückziehens
in die Moscheen)
- Suche nach der Lailatu l-Qadr, der Nacht der Bestimmung,
und Vollbringen besonders vieler Gottesdienste ihn ihr
1. Vermehrter Gottesdienst
in den letzten Nächten des
Ramadan
In den letzten zehn Nächten des Ramadan erfüllt
uns eine hoffnungsfreudige Stimmung, vielleicht sogar fiebrige
Erwartung, weil es in ihnen eine sehr wichtige Nacht gibt. Deshalb
gibt es keine bessere Gelegenheit und Zeit als diese letzten zehn
Tage, um sich besonders mit Ibadaat (Gottesdiensten) zu
beschäftigen,
auch weil unsere Körper bereits durch das Fasten im Ramadan
an eine gewisse Disziplin in den Ibadaat gewöhnt sind.
Von A’ischa, Allahs Wohlgefallen
auf ihr (r), die gesagt hat:
„Der Prophet, Allahs Heil und Frieden auf ihm (s), pflegte,
wenn die zehn (letzten Nächte) des Ramadan kamen, sein Gewand
(zum Gebet) herzurichten und die Nacht über zu wachen und seine
Familie aufzuwecken.“ (Buchari)
Bereits vor seiner Gesandtschaft
und der Offenbarung pflegte der Prophet Muhammad (s) sich im Ramadan
in die Höhle Hira zurückzuziehen
und eine gewisse Zeit mit Meditation und Nachdenken zu verbringen.
So wurde er auch auf die schwere Zeit der späteren koranischen
Offenbarung vorbereitet.
Die letzten zehn Tage sollen empfehlungsgemäß mit
vielen Gebeten, Koranlesen, Dhikr (Gedenken an Allah), Du’a (Bittgebeten)
und Nachsinnen über die Schöpfung Allahs verbracht werden,
wodurch unser Geist wieder „auftanken“ kann. So folgen
wir in den letzten zehn Tagen des Ramadan unserem geliebten Propheten
Muhammad (s), wie es oben im Hadith beschrieben ist.
2. Durchführen des I’tikaf
A’ischa (r), die Gattin des Propheten (s) berichtete: „Der
Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihm, pflegte sich in den letzten
zehn Tagen des Monats Ramadan zurückzuziehen, bis Allah, der
Erhabene, ihn sterben ließ. Nach seinem Tod pflegten sich auch
seine Frauen zurückzuziehen.“ (Buchari)
I’tikaf bedeutet dem Wort nach „sich an einen Ort verschließen
und warten“. Als islamischer Fachbegriff bedeutet der I’tikaf,
sich in eine Moschee zu begeben, um – sei es auch nur für
eine kurze Zeit – sich von den geistigen und körperlichen
Sünden und Verfehlungen zu entfernen und danach zu trachten,
vollständig in eine Atmosphäre voller Harmonie, innerer
Ausgeglichenheit und Gottesruhe einzutauchen und auf diese Weise
für eine Weile nur mit dem Schöpfer alleine zu verweilen.
Allah gab uns Muslimen diese Möglichkeit des I’tikaf,
damit wir uns auf die Situation des Grabes vor der Auferstehung vorbereiten
können, wenn wir dort allein sind und niemanden haben außer
Allah. Dort wird es zudem keinen geben, der uns Trost schenkt oder
Zuflucht gibt, außer Ihm.
Der große Gelehrte Atâ bemerkte: „Jemand, der
sich in den I’tikaf begibt, ist wie jemand, der sich vor die
Tür eines großen Königs begibt, weil er von ihm etwas
benötigt und sagt: ‚Solange mein Bedürfnis nicht
gestillt wird, werde ich nicht von hier weichen’. Und dieser
ist in das Gotteshaus eingetreten und sagt: ‚Wenn Du mir nicht
vergibst, dann weiche ich nicht von dieser Stelle’”.
Für einen Gläubigen, der viel Druck und
Stress fühlt - gerade in diesen für die Muslime schwierigen
Zeiten - kann der I’tikaf zu einem Ruhepunkt und zu einer „geistigen
und seelischen Erholung“ werden. Es ist, als ob er in den
Tagen des I’tikaf die „Himmelfahrt übt“ und
bei Allah Zuflucht sucht mit seinen Gebeten und Duas. Mit diesen
und anderen Gottesdiensten ergibt er sich vollends und freiwillig
seinem Schöpfer.
Der I’tikaf befreit ihn für einige Tage von störenden
Einflüssen, die z.B. durch ein Übermaß an Essen,
geschlechtlichen Beziehungen, Reden, Schlafen usw. entstehen können
und die den Wert seiner Ibadaat schmälern können. Wenn
diese Störfaktoren auf ein Mindestmaß reduziert werden,
ist der Weg frei für die Begegnung mit Allah.
Deswegen ist es angeraten, dass
ein Muslim mindestens einmal im Leben in den I’tikaf geht, wenn möglich natürlich öfter.
Es sollten sich aber stets einige Muslime in der Moschee befinden,
die im letzten Drittel des Ramadans diese Sunna pflegen.
Da durch die ersten 20 Tage des
Ramadan die Sinne und der Geist für das Wesentliche bereits geschärft wurden, ist im letzten
Drittel des Ramadan während des I’tikaf eine größere
Hingabe und Demut in den Gottesdiensten möglich.
Es wird berichtet, dass Ibn Abbas
(r) einmal vor dem Grab des Propheten (s) stand, darauf deutete
und folgendes sagte: „Ich hörte
den, der hier im Grab liegt, folgendes sagen: ‚Wer einen Tag
in den I’tikaf geht um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, für
den wird Allah eine Entfernung von drei großen Graben zwischen
ihm und dem Feuer legen, die größer sind als (die Entfernung)
zwischen Ost und West.’“ (Baihaqi, Tabarani)
Auch lehrt uns der I’tikaf, wie das diesseitige Leben im Vergleich
zum Jenseits zu bewerten ist; der I’tikaf kann uns als Prüfstein
dafür dienen, ob wir uns auf dem rechten Weg befinden. In diesen
Tagen ist es somit möglich, den Staub der Welt abzuklopfen.
Obwohl es im Islam kein Mönchtum gibt, ist es eine gute Gepflogenheit,
wenn wir uns für zehn Tage in der besten Zeit des Jahres in
Klausur begeben.
3. Suche nach der Lailatu l-Qadr und Vollbringen besonders
vieler Gottesdienste ihn ihr
„Wir haben ihn ja herabgesandt in der Nacht der Bestimmung.
Und was lässt dich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist?
Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate, Es kommen
die Engel herab und der Geist in ihr, mit der Erlaubnis ihres Herrn,
zu jeder Angelegenheit, Frieden ist sie, bis zum Aufgehen der Morgendämmerung.“ (97:1-5)
Von Abu Huraira (r), der gesagt
hat: „Allah Gesandter (s)
hat gesagt: ‚Wer die Lailatu l-Qadr über (im Gebet) steht
und auf sie trifft im Glauben und Hoffnung (auf den Lohn des Jenseits),
dem wird vergeben, was von seinen Sünden vorausgegangen ist.“ (Muslim)
Von ’Ubada ibn as-Samit, der gesagt hat: „Der Prophet
(s) kam heraus, um uns über die Lailatu l-Qadr zu unterrichten.
Da stritten sich zwei Männer von den Muslimen, und er sagte: ‚Ich
bin herausgekommen, um euch über die Lailatu l-Qadr zu unterrichten,
und der und der haben sich gestritten, und es (1) wurde von mir genommen,
und das ist wohl gut für euch, also sucht sie in der neunten,
der siebten und der fünften (Nacht) (2)“ (Buchari)
Anas ibn Malik (r) berichtete: „Der Gesandte Allahs (s) sagte: ‚Wer
immer, bis der Ramadan zu Ende geht, das Abend- und Nachtgebet mit
der Gemeinschaft verrichtet, der wird in der Lailatu l-Qadr viel
Freude daran empfinden.’” (Baihaqi)
Die Lailatu l-Qadr ist für die Gläubigen Sicherheit und
Schutz. Sie ist Güte und Frieden. Die Lailatu l-Qadr ist der
Kern und die Quelle des Ramadan, denn in dieser Nacht kam der Koran
vom Lauh Mahfudh (der wohlverwahrten Tafel (3) in die Himmel
der Menschen herab und der Engel Dschibril brachte dem Propheten
Muhammad (s) die ersten offenbarten Verse. Von da ab wurde der Koran,
die allumfassende Wahrheit und der Kern der Barmherzigkeit für
die Menschen, nach und nach offenbart. Aus diesem Grund ist diese
Nacht besser als tausend Monate oder als ein ganzes Menschenleben.
Wer diese gesegnete Nacht verpasst,
der hat fürwahr eine große
Chance vertan. So ist es nach dem zitierten Hadith angeraten, die
Lailatu l-Qadr in den letzten zehn Tagen der ungeraden Nächte
im Ramadan zu suchen.
Anas (r) berichtet, dass der Gesandte
Allahs (s) gesagt hat: „Wenn
die Lailatu l-Qadr anbricht, kommt Dschibril in Begleitung von Engeln
herab und bittet um Barmherzigkeit für den Knecht (Allahs),
der sich mit Gottesdiensten beschäftigt und Allahs gedenkt,
während er steht oder sitzt.“ (Baihaqi)
Es gibt eine wunderbare Überlieferung, in der die Mutter der
Gläubigen A’ischa (r), den Propheten (s) fragte: „O
Gesandter Allahs, wenn ich weiß, welche Nacht die Lailatu l-Qadr
ist, was sollte ich dann sagen?“ Er wies sie dann an zu sprechen: Allahumma
innaka ’afuwwun tuhibbu l-’Afwa fa’fu ’annii.
Das bedeutet: O Allah, Du bist der Vergebende, und Du liebst die
Vergebung, so vergib mir. (Ahmad, Ibn Madscha, Tirmidhi)
Die beschriebene Nacht hat einen „Wert“ von über
tausend Monaten oder - anders ausgedrückt - von mehr als 83
Jahren! Ein aufrichtiger Gläubiger, der sich Tag und Nacht wegen
seiner Sünden Sorgen macht, erwartet geduldig und voller Freude
diese Nacht im Ramadan. Er hofft, in dieser Nacht Vergebung zu finden,
da sein Gottesdienst in dieser Nacht einem Gottesdienst von mehr
als 83 Jahren gleichkommt, also vielleicht sogar mehr als einem ganzen
Menschenleben. Wenn sein Gottesdienst angenommen wird, kann er mit
einem Schlag sämtliche vorherigen Sünden auslöschen.
Der Gottesdienst in dieser Nacht
kann unterschiedlich gestaltet werden. Wenn man arbeitet, sollte
man nach Möglichkeit den folgenden
Tag frei nehmen, um an diesem Abend lange wach bleiben zu können.
Das wäre besser, weil die Nacht in der Regel ausgefüllt
ist mit längeren Gebeten, Koranlesen und Dhikr. Man sollte aber
während der Gottesdienste auch auf Unterbrechungen und Pausen
achten.
Nur wenn wir unsere Herzen von
Gier, Eitelkeit, Neid und Bosheit gereinigt haben und unsere Herzen
der Liebe zur Wahrheit, der Schönheit
und Gerechtigkeit Platz gemacht haben, können wir hoffen, dass
Allah uns vergibt und hilft. So sollten wir alle in dieser historischen
und heiligen Nacht, wenn Allah Seine Engel herabsendet, darum beten,
dass Allah unsere Gebete erhört und uns Vergebung schenkt.
Möge Allah unsere Herzen reinigen, unseren Glauben stärken
und uns befähigen, jegliche Hindernisse auf dem Weg zu Ihm zu überwinden.
Möge Er uns zudem gestatten, nur Ihm in unseren Handlungen zu
dienen, sowohl mit unserer Arbeit, in der Schule oder im Studium,
in unserer Familie und auch sonst überall. Möge Er es uns
ermöglichen, wenn die Zeit kommt, endgültig zu Ihm zurückzukehren,
mit denen zusammen zu sein, die Er liebt und die Ihn lieben.
Möge Er uns in der Lailatu
l-Qadr mit Segen und Barmherzigkeit überhäufen und uns mit Seinen größten
Gaben versorgen. Amin.
(1) Das Wissen um die genaue Zeit.
(2) Vor Ende des Monats Ramadan.
(3) Die „wohlverwahrte Tafel“ befindet sich über
dem siebten Himmel, wohlbewahrt gegen die Teufel und gegen jedwede
Veränderung. Sie ist die „Urschrift“ (Ummu
l-Kitab) von welcher der Koran und die anderen Schriften niedergeschrieben
wurden.
aus: muslimehelfen.org
|